Was bewegte Menschen vor Tausenden von Jahren beim Blick in die Sterne? Wer sich in Sachsen-Anhalt am Netzwerk Himmelswege orientiert, erlebt Stätten, die „echt besonders“ sind. Er begegnet anschaulich präsentierten archäologischen Ausgrabungen und modern inszenierten Ausstellungen: der Arche Nebra, dem Ringheiligtum Pömmelte, dem Grab der Dolmengöttin in Langeneichstädt, dem Sonnenobservatorium Goseck und dem Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale).
„Wahnsinn!“ staunt eine Besucherin der Arche Nebra über die Zeitangaben auf der Tafel und liest laut: „Vor 144 Generationen … benutzten Herrscher und Astronomen die Himmelsscheibe. Vor 3.600 Jahren wurde sie zusammen mit wertvollen Schwertern, Werkzeug und Schmuck auf dem Mittelberg deponiert.“ Jenen Mittelberg kann sie aus dem Fenster sehen, denn die Arche, das an eine goldene Barke erinnernde Gebäude, das über dem Unstruttal zu schweben scheint, wurde in Sichtweite zur Fundstätte erbaut. Dort hatten Raubgräber 1999 die Stücke gefunden und weggeschleppt. Der Spürsinn von Kriminalisten und Archäologen holte die Kostbarkeiten zurück.
Das Arche Nebra Besucherzentrum. Foto: Volkmar Heinz
Alles dreht sich um die Himmelsscheibe
Im Ausstellungort Arche Nebra dreht sich alles um die runde dunkelgrüne Scheibe mit dem Abbild goldener Himmelskörper. Ein schwindelerregendes Erlebnis bietet bereits das Planetarium: Die Sterne rasen über den dunklen Himmel; die Erde rotiert; der Mond umkreist sie. Dann ordnen Linien das Firmament. Als hätte es sich schon immer im Hintergrund aufgehalten, taucht das Bild auf, das seit fast 20 Jahren Besucher an diesen Ort zieht: die Himmelsscheibe von Nebra. Verblüffend klar fügt sich das auf ihr Dargestellte in das unaufhörliche Kommen und Gehen der Gestirne, deren Erstrahlen und Verblassen auf der großen schwarzen Wölbung. Selbst wer nicht alles verstanden hat, ist beeindruckt und neugierig auf die Ausstellung, auf die Bronzezeit, auf die Menschen, die vor Jahrtausenden dieselben Sterne wie wir heute betrachteten.
Diese Begegnung haben die Ausstellungsmacher meisterlich inszeniert: Wer auf der Suche nach wissenschaftlichen Details ist, kann viel lesen oder die Erläuterungen von Experten auf Bildschirmen verfolgen. Wer hingegen verblüffende Erlebnisse bevorzugt – oder einfach noch zu jung ist – der findet Möglichkeiten für greifbare Entdeckungen: Der lauscht den Kommentaren des Hologramm-Hausgeistes, darf eine Nachbildung der immerhin 2,3 Kilogramm schweren Bronzescheibe auch mal anheben; einem spannenden Puppenspiel-Video über die Raubgräberei folgen oder Rätsel lösen. Es irrt, wer nun vermutet, lediglich die Kinder spielen und die Erwachsenen studieren nur die Infotafeln…
Das UFO, ein neuer Erlebnisort an der Arche Nebra. Foto: Volkmar Heinz
Richtig toben dürfen alle in jenem notgelandeten Ufo auf dem Freigelände der Arche. Es kann gerutscht und geklettert, gedreht und geschoben, in einen Schalltrichter gerufen oder im rätselhaften Logbuch geblättert werden. Auch hier gibt es Spaß für alle: Ein Grauhaariger schwingt sich ins Cockpit, greift nach den Hebeln und bittet seine Frau „Mach mal ein Foto von mir als Major Tom!“.
Rückenwind durch wissenschaftlich belegte Superlative
Mit der Eröffnung der Ausstellung zur Himmelscheibe im Jahr 2007 in Nebra, startete auch das touristische Projekt Himmelswege. „Wege“ darf man allerdings nicht zu eng sehen. Die Himmelswege sind keine Route mit Anfang und Ende so wie die Saale-Unstrut-Weinstraße, das Blaue Band der Elbe oder die Straße der Romanik. Sie sind eher mit den Gartenträumen zu vergleichen: mehrere Anlaufpunkte, in einer Region verstreut aber durch ein Thema verknüpft.
Rückenwind gaben der Himmelswege-Idee wissenschaftlich belegte Superlative: die Himmelsscheibe als die weltweit älteste bekannte Darstellung konkreter astronomischer Phänomene; das Ringheiligtum Pömmelte, dessen Aufbau und Größe dem englischen Stonehenge gleichen, Goseck als das älteste entdeckte Sonnenobservatorium Europas…
Diese Fülle an entsprechenden Zeitzeugen in Mitteldeutschland ist kein Zufall. „Sie resultiert vor allem aus den fruchtbaren Böden und der guten verkehrsgeographischen Lage“, so Dr. Franziska Knoll vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt.
Dr. Franziska Knoll erklärt die Anlage des Ringheiligtum Poemmelte. Foto: Volkmark Heinz
Zwischen Sternenkarte und Sonnenobservatorium
Auf dem Zeitstrahl ist die Himmelsscheibe von Nebra allerdings das jüngste Stück. Rückwärts gehend, kommt man in jene Zeit vor über 4.000 Jahren, in der das Ringheiligtum Pömmelte und das Ringheiligtum Schönebeck entstanden. Pömmelte wurde 2016 als ein Knotenpunkt des Himmelswege-Netzwerkes eröffnet und ist damit die jüngste Station. Deshalb steigt am 21. Juni 2026 ein Familienfest zum Zehnjährigen der Rekonstruktion.
Doch auch wenn der „Deutsches Stonehenge“ oder „Kathedrale der Steinzeit“ genannte Ort für viele Teilnehmende und wichtige Zeremonien geschaffen wurde, seine Magie lässt sich auch an jedem anderen Augenblick des Jahres erspüren. Antworten auf manche der auftauchenden Fragen geben die Tafeln auf dem jederzeit zugänglichen Gelände: Wie standen die Palisaden? Wo waren die Tore mit dem Blick auf die Sonne? Was lag in den Opfergruben? Wo wohnten die Menschen? Andere Informationen bekommt man per Video im Info-Center, per Audioguide oder von Susanne Dedow und ihren Kolleginnen und Kollegen. Die heutige Gastgeberin beschreibt anschaulich, was einst hier passiert ist. Oder sie lädt zu einem Akustik-Test, stellt sich in den Mittelpunkt des riesigen Runds und fragt leise „Bin ich zu verstehen?“
Manches hingegen kann niemand mit Sicherheit erklären. Nicht, worum genau die Götter angefleht wurden. Nicht, wie sich die Opfernden das Totenreich vorstellten und wann ein Mensch sein Leben hergeben musste. Manche Besucher umfängt diese unerklärbare Magie so sehr, dass sie wie die Vorfahren kleine Opfergaben bringen; Münzen in Holzspalten stecken oder Speisen an den hölzernen Figuren ablegen.
Die Dolmengoettin im Museum für Vorgeschichte. Foto: Volkmar Heinz
Eine Stippvisite ist auch die Dolmengöttin von Langeneichstädt wert. Dass ihr Grab zum Verbund der „Himmelswege“-Stätten gehört, resultiert aus dem Alter (rund 5.500 Jahre) und der Bildsprache des lebensgroßen Menhirs, der schemenhaft menschliche Züge erahnen lässt. Eine Darstellung wie das Oval mit Punkten – vermutlich ein Gesicht – findet sich selten in Mitteleuropa.
Am weitesten rückwärts reist, wer nach Goseck fährt. Vor rund 7.000 Jahren – 2.000 Jahre vor Pömmelte und Stonehenge – hoben steinzeitliche Bauern ringförmige Gräben aus, häuften Wälle an, setzten 1.675 riesige Eichenstämme in den Boden, so, dass zur Winter- und Sommersonnwende durch Lücken in den Palisaden die auf- oder untergehende Sonne schien. Bis 2005 wurde hier, wie später auch in Pömmelte, die Anlage Stamm für Stamm wiedererrichtet. Ein Informationszentrum im Schloss Goseck erläutert das Phänomen der Kreisgrabenanlagen und zeigt Funde der Ausgrabungen.
Landesmuseum: Blick auf die originalen Kostbarkeiten
An den Stationen der Himmelswege sind die kostbarsten archäologischen Fundstücke allerdings nur als Nachbildungen ausgestellt. Die Originale bündelt das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale). In der dortigen Sonderausstellung ist bis November 2026 sogar ein 9.000-Jahres-Schritt zurück möglich, zur Schamanin von Bad Dürrenberg.
Das Museum könnte Prolog oder Finale einer „Himmelswege“-Tour sein. Denn dort ist das atemberaubende Stück zu betrachten - die Himmelsscheibe von Nebra. Besucher müssen ein paar Schritte in den fast dunklen Raum wagen, ehe sie ihr gegenüberstehen.
"Die Schamanin" lautet die aktuelle Ausstellung im Museum für Vorgeschichte Halle (Saale). Foto: Volkmar Heinz
Autorin: Marlis Heinz
Mehr Informationen:
www.emuseum-himmelswege.de/
www.himmelsscheibe-erleben.de
www.ringheiligtum-poemmelte.de
www.sonnenobservatorium-goseck.de
www.landesmuseum-vorgeschichte.de
Dr. Franziska Knoll. Museum für Vorgeschichte in Halle. Foto: Volkmar Heinz
„Verkehrsknoten“ der Frühgeschichte
Drei Fragen an Dr. Franziska Knoll vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte
In Sachsen-Anhalt scheint es, als müsse man nur ein Loch graben und schon offenbart sich ein archäologisches Fundstück. Woraus resultiert die Fülle an vorgeschichtlichen Zeitzeugen in diesem Landstrich?
Das hat einerseits ganz moderne Gründe: In diesem Bundesland wurde seit den Neunzigern sehr viel investiert und also auch Erde bewegt. Zugleich agiert hier keine Vielzahl privater Grabungsfirmen, sondern ausschließlich das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Das heißt, es wird systematisch und mit modernsten Technologien gesucht und geborgen; die Informationen laufen an einer Stelle zusammen und können so auch übergreifend wissenschaftlich erforscht werden.
Andererseits war Mitteldeutschland schon vor Jahrtausenden Zielort umherziehender Menschen. Vor allem der fruchtbare Boden versprach Nahrung, sowohl für die Jäger und Sammler der Alt- und Mittelsteinzeit als auch für die ersten Bauern.
Was hat Sie bei den Ausgrabungen in Pömmelte am meisten überrascht?
Die schiere Größe der Siedlung mit über 150 Häusern; das war eine Metropole in jener Zeit, in der anderswo nur kleine Weiler entstanden. Und auch manche Fundstücke waren verblüffend, beispielsweise die Niederlegung von zehn Tassen, die die Bewohner beim Verlassen der Siedlung säuberlich eingegraben hatten. Darin fanden sich sogar noch Nahrungsreste wie Milchfett.
Wenn Sie Ihre Augen schließen und sich inmitten eines Festes in Pömmelte denken, was sehen Sie da? Wie viel Fantasie erlauben Sie sich als Wissenschaftlerin?
Natürlich dürfen auch Forschende auf Fantasie-Reisen gehen. Sie lassen sich dabei antreiben von ihren realen und präzise analysierten Funden wie Holzkohlen, Keramik, Farbresten oder auch Tierknochen als Überbleibsel vergangener Mahlzeiten. Das verbindet sich mit dem Wissen, das aus Forschungen an zeitlich und räumlich vergleichbaren Fundstellen stammt. Wenn ich mich also tatsächlich während einer rituellen Handlung in Pömmelte vorstelle, dann sehe ich hunderte Menschen in einem hölzernen Rondell mit zahllosen Malereien und Schnitzwerken, höre Trommeln und Gesänge, sehe Feuer und Schatten, rieche gebratenes Rindfleisch... Es ist beeindruckend. Und gar nicht weit weg von dem, was wir heute unter gemeinhin unter einem guten Fest an einem magischen Ort verstehen.
Die Investitions- und Marketinggesellschaft mbH (IMG) ist die Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Bundeslandes Sachsen-Anhalt. Im Auftrag des Ministeriums für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten vermarkten wir den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Sachsen-Anhalt und zeichnen verantwortlich für das Tourismusmarketing im In- und Ausland. Die Ansiedlung von Unternehmen im Land Sachsen-Anhalt wird aktiv von der IMG begleitet und unterstützt. Im Auftrag des Landes hilft die IMG den hier ansässigen Unternehmen bei Bedarf bei Ihren Investitionen. Unser Service ist vertraulich und kostenfrei. Weiterführende Informationen zu unseren Leistungen finden Sie hier: www.investieren-in-sachsen-anhalt.de